AfrikaBurn 2017: “PLAY”ground Tankwa Town

(Nachtrag “AfrikaBurn”; 26. bis 29. April 2017) – Kurz nach Sonnenaufgang am Samstag (29/04) trinke ich meinen mit Milch aufgeschäumten Kaffee. Möglich macht das ein Milchschäumer (engl. milk frother), den Simon mitgebracht hat. Ich wette, dass unsere Crew mit solch einem Gerät ausgerüstet zu den best ausgestatteten auf diesem Festival zählt. Festival? “AfrikaBurn”? Man könnte sagen, der “kleine Buder vom ‘Burning Man'”; letzterer findet einmal jährlich in der Wüste Nevadas statt. Mit Simon und Karo treffen Christina, Johannes und ich auf ein eingespieltes Team, was solche Veranstaltungen betrifft, denn die beiden bringen definitiv Erfahrungen (waren auch schon am Burning Man) und Gerätschaften (Dusche, Kühlboxen, Solarpaneele, Fahrräder, Kostüme, Matratzen, etc.) mit, von denen wir nur träumen können. Aber lasst mich von ganz vorne beginnen:

Dass das “AfrikaBurn”, oder liebevoll auch der “Burn” genannt, stattfinden wird, wusste ich schon lange vorher. Man könnte sagen, dass ich mir seit Ende des vergangenen Jahres den Kopf darüber zerbrochen habe, ob ich dran teilnehmen soll oder nicht. Warum? Weil es eine Heiden(vor)arbeit bedeutet. Das “AfrikaBurn” ist der heißeste und abgelegenste, aber auch geilste Event unter dieser Sonne, den ich jemals besucht habe! Gemeinsam mit Christina und Johannes, die ich beide an unterschiedlichen Orten auf meiner “Garden Route up to the Wild Coast”-Tour kennengelernt habe, steigen wir Mittwoch Vormittag in einen weißen Hyundai, um dorthin aufzubrechen.

Dorthin? In die Karoo-Wüste genaugenommen, ungefähr vier Stunden Autofahrt von Cape Town entfernt. Die Halbwüste ist ungefähr so groß wie Deutschland und ihr Name bedeutet übersetzt aus der Khoi Sprache “Land des Durstes”. Gutes Stichwort: Durst. Wasser ist das A und O für unser Abenteuer. Wir benötigen laut dem “AfrikaBurn – Survival-Guide” fünf Liter pro Person täglich, ausreichend Essen, ein Zelt oder ähnliche Camping-Unterkünfte, Schlafsäcke, Müllsäcke, Erste Hilfe-Materialien und was man sonst so braucht für einen Aufenthalt in der Wüste (Sonnencreme, Kappen und Hüte, …).

Ich hatte ja keine Vorstellung! Dass das ein zeitaufwändiges Unterfangen werden würde, war mir klar, und wir haben in der viel zu kurzen Zeit unserer Vorbereitung dann doch noch einiges gemeistert. “Don’t make a burden of yourself and others due to lack of planning. You need to bring everything you need to the desert. […] And then you need to take it all back – because this is a Leave No Trace event”, rät auch der “Survival-Guide” (4).

Als wir Kapstadt verlassen schüttet es wie aus Schaffeln. Es ist das erste Mal seit Langem, dass die Stadt soviel Wasser von oben abbekommt. Und das ist auch gut so. Immer noch leidet (besonders) das Western Cape unter Wasserknappheit.
Wir brauchen fast den ganzen Tag, um an unserem Ziel anzukommen. Unsere Einkäufe erledigen wir am Weg dahin. Ein bisschen panisch bin ich, was die Befahrung der 113 Kilometer langen “dirt road” angeht; über die Schotterstraße liest man nämlich folgendes: “It’s legend and fact: the R355 eats tyres for breakfast, lunch and supper. […] Round about now, you lose cellphone signal. Switch it off and forget about it. Goodbye telecommunication, hello real communication!” (Survival-Guide, 33/34)

Das kann ja heiter werden! Wie soll ich meine Burn-Freunde Karo und Simon auf diesem riesigen Gelände mitten in der Wüste nur ausfindig machen? Klappt unser Treffen morgen, Donnerstag, um 15 Uhr, wie vereinbart an der Ecke Binnekring / 8ish?

Angekommen in Tankwa Town müssen wir als “Burn Virgins” einen Gong schlagen, um eingelassen zu werden. Es ist mittlerweile relativ spät, schon dunkel, dennoch gelingt es uns völlig unerwartet bei Karos und Simons Zeltplatz vorbeizufahren und auch rechtzeitig stehenzubleiben, um mich zu vergewissern, dass mich mein Auge nicht getäuscht hat. Tatsächlich! Mitten unter insgesamt 13.000 Besuchern finden wir die beiden kurz bevor sie zu Bett gehen und schlagen unser Dreimann-Zelt in unmittelbarer Nachbarschaft auf. Yeah!

Ich bin in einer völlig anderen Welt. Tankwa Town ist mit nichts vergleichbar. “Just be aware: All things in Tankwa Town are subject to the mystical-ish”, erklärt der “WTF? Guide” bereits auf Seite 2. Wir haben gerade in einem eine ganze Woche andauernden Kreativ-Experiment eingecheckt, teils Festival, teils Bewegung. Das heurige Motto dazu lautet schlicht “PLAY”; tatsächlich ist Tankwa Town wie ein riesiger Spielplatz mitten in der Wüste, der uns zum Staunen, zum Tanzen, zum Plaudern, zum Lachen und zum Kaffee- und Teetrinken, zum Yogieren, zu Capoeira sowie zum Relaxen einlädt. Von den Besuchern, Künstlern, Artisten, Musikern und DJs wird “radical self-reliance” (Eigenverantwortlichkeit) erwartet. Alles was man mitbringt, muss auch wieder selbst entsorgt werden. Nichts, aber auch gar NICHTS darf in dieser neu erschaffenen Kunstwelt zurückgelassen werden: “What you bring in, you take out with you.” (Survival-Guide, 5) Dennoch bin ich einfach nur begeistert und völlig fertig (im positiven Sinn), WAS alles zu dem Ort des Geschehens gebracht und transportiert wurde und WIE sich all die Aliens, die Einhörner und Menschen in ihren Adamskostümen, die auf der “PLAYA” (“play-a” 🙂 ) zusammenkommen, miteinander verstehen und gemeinsam eine extravagante und exklusive (Aus-)Zeit genießen. Ich befinde mich inmitten eines mensch- und magiegewordenen Augenschmauses, den ich nie zuvor erlebt habe. Völlig “out of this world”!

Ich staune nicht schlecht, wenn riesige Schnecken, Wikingerschiffe und fliegende Teppiche, Zebras oder Rhinos, die aus ihren Hörnern Feuer speien, auf der Playa an mir vorbeischlurfen, -segeln und -trampeln. Es handelt sich dabei um die so genannten “Mutant Vehicles”, um Gefährte, die als eigentliche Fahrzeuge nicht mehr zu erkennen sind, sondern zu  fantasievollen Kunstwerken umfunktioniert wurden. Um mit ihnen auf der Playa Runden drehen zu dürfen, benötigen sie eine Lizenz. Beim “Departement of Mutant Vehicles” (DMV) kann man sich eine solche abholen. Und ich wage fast zu behaupten, je skurriler und abgefahrener die Vehikel aufgemacht sind, desto eher erhalten sie eine solche. 🙂

Neben all diesen Mutanten sind sonst nur Fahrräder, Notarztwagen oder Fahrzeuge der Administration auf der Playa zugelassen.

Ich komme drei Tage lang aus dem Staunen nicht heraus. Freitagnachmittag schaue ich mir die angekündigte “Fashion Show” im “Alienz Coffee Shop” an; ein Platz, den ich immer wieder gerne besuche. Zwar gibt es dort keinen mit Milch aufgeschäumten Kaffee, aber bequeme Sofas und gute Cappucchinos. Wenn ich zu müde bin oder wieder mal ein Sandsturm tobt, ziehe ich mich gerne dorthin zurück. Blöd, dass ich meine Skibrille daheim vergessen habe.

Wie der Zufall so will treffe ich im Alienz-Café auf einen EF-Studenten, den ich erst wenige Tage zuvor in Chintsa am Strand kennengelernt habe. Auch diese Fantasy-Welt ist irgendwie klein 🙂

Es ist einfach ein Spektakel der Son(n)derklasse! Es gibt alles und gleichzeitig nichts. Während sich sämtliche “Burner” bereits frühmorgens in gleißender Hitze zu einer Yogaklasse begeben, nehmen andere am “Tankwa Run” (5 bzw 10 Kilometer lang) durch das Gelände teil, besuchen Teezeremonien, das “Sweet Love Cinema” (nur abends geöffnet) oder die “Burniversity”, wo jeder, der will, Lectures halten kann. Die meisten wiederum stehen in der Ice-Queue Schlange. Eis ist das einzige Gut, das in Tankwa Town gekauft werden kann.

Leider gehen wir leer aus. Kurz bevor wir an der Kasse ankommen (nach einer Wartezeit von 2 1/2 Stunden), wird verkündet, dass das Eis heute ausverkauft ist. Das passiert uns zwei Mal in Folge. Okay. Dann eben warme Getränke, statt eisgekühlte… Wir fühlen uns ein bisschen wie der Orca, der “super dry” in der Wüste herumliegt (siehe Pic).

Wir haben Spaß. Das steht fest! Besonders freue ich mich auch darüber, dass ich Tallulah und ihre Gang “finden” konnte. Wäre ich nicht zufällig Nico über den Weg gelaufen, hätte ich niemals die Adresse ihrer Tents (Corner Invent Street / Lady Davina Blvd) gewusst 🙂 Gleichzeit schade, dass es mit Brad und Michelle nicht geklappt hat. Naja. Egal.

Ich komme ja wieder: BEING PART OF THIS OTHERWORLDLY EXPERIMENT WAS SIMPLY FASCINATING! 🙂

Ich bin immer noch sprachlos, obwohl ich nun schon seit knapp zwei Wochen wieder in Cape Town verweile und mich intensiv auf meine letzte Prüfung vorbereite. Das “AfrikaBurn” hat mich verändert, es hat mich entführt, in eine Welt der Andersartigkeit, in eine “selbstgebaute Utopie” und “bunte Traumwelt”, die “am Ende der einwöchigen Party in Rauch aufge[gangen ist].” (siehe Schmelzer, Thomas: “Die Wüste bebt”. In: Der Spiegel Online; 06.05.2014, 06:55 Uhr)

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