Paddeln am Gießgang

Gießgang? Nie gehört. Noch (!) nie gehört. Dabei ist das Fließgewässer, das parallel zur Donau fließt, unterhalb von Altenwörth beginnt und bei Korneuburg in die Donau mündet, nur unweit von Wien entfernt. Doch auch Google Maps kennt dieses dahin mäandernde Flüsschen nicht und schreibt mir als Antwort auf meine Suche nach “Gießgang”, dass es diesen “nicht finden (konnte]”. Ein lieber Bekannter verrät mir, dass “der Gießgang […] zur Bewässerung der Au im Zuge des Kraftwerkbaus Greifenstein in den frühen 1980er Jahren angelegt” wurde. Aha. Na, gut zu wissen.

Nun, bis jetzt bin ich noch nie in meinem Leben gepaddelt. Heute (Sonntag) ist es soweit! Worauf kommt es an, was muss ich beachten? Gemeinsam mit Daniel, Gitti und Oli, dem Paddel-Experten, der (sich) schon seit zwanzig Jahren auf diversen Gewässern herum treibt 🙂 , begebe ich mich in die Stockerauer Donau-Au, um dort beim “Konrad Uferhaus” unsere beiden schnittigen – vom Alpenverein geliehenen – Kanus ins Wasser zu lassen. Für mich ist das alles sehr aufregend und die Kamera ist daher immer schussbereit. Wir tragen alle eine Schwimmweste. Eine der ersten Tipps von Oli lautet, dass “das Paddel – am Wasser – immer am Mann bzw. an der Frau bleiben” muss. So weit, so gut. Wir tragen unsere Dry Bags, mit denen wir perfekt ausgestattet sind, in die beiden Boote und steigen dann selbst ein. Ich sitze vorne; es wackelt und wippt. Ich muss Acht geben, nicht zu kippen. Das Wasser bei der Einstiegsstelle ist vom gestrigen Unwetter aufgewühlt und ziemlich verschmutzt. Hier würde ich ungern rein fallen. Aber Moment, ich greife vor…

Schon die ersten paar Paddelschläge den Gießgang stromaufwärts bereiten mich nervlich auf den morgigen Muskelkater vor. Das geht ganz schön rein, oder ist es einfach nur der von Oli so gepriesene “Jot-Schlag”, der sich sofort in Ober-, Unterarmen, Händen, Schultern und im oberen Rücken spüren lässt? Ich bemühe mich, perfektionieren kann ich ihn heute noch nicht. Ist aber auch mein erstes Mal, und wir wissen: Übung macht den Meister!

Zu Beginn ist das Wetter noch eher durchwachsen. Eine dreiviertel Stunde zuvor, als wir am Stockerauer Bahnhof angekommen sind, hat es sogar noch leicht geregnet. Als wir am Wasser sind, wird der Himmel klarer, und auch das Wasser selbst wird sauberer, je höher wir rauf kommen. Ab jetzt erleben wir die Natur in ihrer schönsten Ausprägung, neben uns schwirren schwarze Libellen, wir sehen Eisvögel, “schlagen” uns durch das gelbe Sumpfdotterblumenmeer, vorbei am hohen, sich im leichten Wind neigenden Schilf und an moosbewachsenen, von Bibern umgelegten Baumstämmen. Selbst einen jungen Fuchs sehen wir an einer der Stellen, wo die Wildtiere zur Tränke kommen. Vorerst ist er nicht sonderlich an uns interessiert und bleibt einfach auf seinem Plätzchen liegen. Als er merkt, dass wir ihn bemerkt haben und ihn fotografieren wollen, sucht er das Weite. Es ist aufregend durchs Wasser zu cruisen und all das zu beobachten. Obendrein beruhigt es ungemein. Vorausgesetzt es passiert einem nicht das, was man im Netz so nachlesen kann: Angeblich sei schon mal ein (MEGA-)Fisch in ein Kanu rein gesprungen – ob es sich dabei um Anglerlatein handelt?

Viele, viele “Jot-Schläge” und vier Wehren (es ist superanstrengend, die Kanus da drüber zu tragen…) später finden wir ein lauschiges Plätzchen, wo wir schließlich Mittagspause machen. Dank Gitti gibt es einen wunderbaren Quinoa-Salat – danke nochmal, schmeckt super! 🙂

Gestärkt machen wir uns am Rückweg. Die Sonne steht schon tief, allerdings sollte es sich mit der Strömung, die uns jetzt zu Hilfe kommt, schön ausgehen, dass wir noch lange vor der Dunkelheit wieder am Ausgangsort ankommen. Tja. Wäre da nicht ein kleines Missgeschick passiert… Nach der vorletzten Wehr geraten Oli und ich mit dem Kanu in Seitenlage (Waren die Strudel dort schuld? Haben wir uns wirklich gleichzeitig, aber unabsichtlich auf eine Seite gelehnt?) – und schon kippt’s. Shit, wir sind gekentert! Ich merke doch, wie mein Adrenalin gerade stoßweise durch meinen Körper strömt. Das Wasser ist aber so flach, dass man stehen kann und wir das Boot ans nächstliegende Ufer ziehen können. Es ist alles nass. Und wir natürlich auch bis auf die Haut. Glücklicherweise haben wir alles Weitere (bis auf ein Smartphone 🙁 ) in Dry Bags verpackt, die tatsächlich kein Wasser durchlassen. Alles, was darin verstaut war, ist trocken geblieben. Gottseidank, sonst hätten wir auch keine so schönen Erinnerungsfotos.

Es ist stockdunkel als wir am Landesteg ankommen. Schnell noch die Kanus säubern, verstauen, alles wegräumen, nix vergessen (Handy-Taschenlampe sei dank!) und ab mit uns nach Hause, wo uns eine heiße Dusche erwartet. Mir ist mittlerweile ziemlich frisch, aber was soll ich machen. Der Tag war trotz des Unfalls ein wirklich Gelungener und Traumhafter.

Ps.: Erst am Morgen danach, also Montagmorgen, komme ich drauf, dass ich doch etwas vermisse. Meine neue Sonnenbrille, die ich mir selbst zum Abschluss des Social Media-Lehrgangs geleistet habe. Heul. Ich bin ziemlich traurig. Einen kleinen Hoffnungsschimmer allerdings habe ich noch: Mit viel Glück ist sie in der Schwimmwestenbrusttasche – und dort nach unserem Bootsunglück auch geblieben. Bitte, bitte, bitte!

2 comments on “Paddeln am Gießgang

  1. Agnes wie wunderbar du schreibst, nein erzählst. Ich konnte alles mitfühlen……..nur den Muskelkater hab ich ausgelassen? Und der schlaue Fuchs konnte leider nicht zwischen Knarre und Knipse unterscheiden konnte. Gruß aus dem Norden

  2. Liebe Maria! Ich freue mich total, dass dir der Beitrag so gut gefällt! 🙂 Ja, der Fuchs war schlau, und süß, weil noch ganz jung! Hoffe dir gehts gut?!
    Liebe Grüße aus Wien!

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