Poren tief rein

Erneut geht ein Tag hier oben zu Ende. Von Tag zu Tag schätze ich die Abgeschiedenheit, die Chamundi Hill bietet, mehr. Sich freiatmen in einer ruhigen Umgebung. Anfangs stand ich dieser Ruhe zugegebenermaßen noch skeptisch gegenüber. Das nächste Dorf ist vier Kilometer entfernt, ich will/brauche Action, ich will was sehen und was erleben – in etwa diese Richtung gingen meine Gedanken. Meine Müdigkeit, und Abgeschlagenheit sowie die Temperaturen ließen mich jedoch wiederholt vor einem Abstieg absehen (ich habe schon mehrfach darüber berichtet) – Gott sei Dank!

Denn je länger ich am Hügel verweile, desto seltener will ich runter. Mich beruhigt der warme, strömende Regen, der kurz zuvor von mächtigem Donner angekündigt wurde und eben erst eingesetzt hat, auf eine Weise, die ich schon lange Zeit nicht mehr gefühlt hab. Es spürt sich alles so richtig und gut an. Während mich meine beiden Mädls für die Massage abholen, blitzt es ordentlich. Plötzlich herrscht auch im Papageien-Käfig Stille – aber nur kurzzeitig. Als ich mich auf meiner Öl-Plattform, so nenne ich meinen Massagetisch, einrichte, legen die Vögel wieder mit voller Lautstärke los.

Im Palace erwarten mich die kommenden Tage wirklich stille Phasen. Waren wir zu Beginn noch neun Kurgäste, bin ich ab Donnerstagmittag gemeinsam mit Hervé und Julia nur mehr zu dritt. Luke und Tina sind heute nach Sri Lanka aufgebrochen, und Maria und Bea reisen übermorgen ab. Von Neuankömmlingen habe ich noch nichts gehört, weder von Jibu noch von Dr. Sheela. Letztere ist übrigens ein Engel. Sie kümmert sich rührend um die Gäste und versorgt mich mit Lesestoff, den sie gerade fertig gelesen hat. Sowas mag ich am liebsten: Wenn mir jemand Bücher in die Hand drückt und mir sagt, dass das genau was für mich sein könnte. Was bleibt mir übrig als sie zu lesen? Will ichs doch dann genau wissen, worums geht 🙂

An Lesestoff mangelt es hier aber ohnehin nicht. In der hauseigenen Bibliothek habe ich bereits einen weiteren Chetan Bhagat-Roman entdeckt, den ich mir einfach nach der empfohlenen Lektüre greifen werde.

Yoga-technisch komm ich voll auf meine Kosten. Thomas (seine Eltern sind Christen und waren auch in der Ostermesse), mein Yogalehrer, gibt mir derzeit Einzelstunden, weil die anderen beiden Übriggebliebenen einen anderen Schedule bei ihren Treatments haben und daher genau in diesen Einheiten zeitlich nicht können. Was will man mehr?

Die Entspannung atmet sich ein und aus, und ein und aus, und ein und aus und geht über alle bis dato geöffneten Poren tief rein in meinen Körper. Ich bin entspannt und gleichzeitig so kräftig und stark wie schon lange nicht. Mein Plan geht auf: Ich lege hier in Kerala die Basis für meine komplette Neuaus- resp. -aufrichtung auf körperlicher, seelischer und geistiger genau wie auf beruflicher und privater Ebene. Hier komm ich definitv über den Berg! Danke, Chamundi Hill!

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